Vereinigung der Haus- und Hobbybrauer in Deutschland e. V.
Irish Red Ale: Wenn das Marketing „Geschichte(n)“ schreibt

Foto: iStock.com/bhofack2
Die Geschichte vom Irish Red Ale ist eine der kuriosesten der Biergeschichte. Es kann also gut sein, dass sich der eine oder die andere beim Lesen des folgenden Texts verwundert die Augen reibt. Aber keine Sorge, das soll so.
In Irland gab es fast immer die gleichen Bierstile wie in Großbritannien. Bis 1916 war Irland Teil des Vereinigten Königreichs, dementsprechend galten mindestens bis dahin die gleichen Gesetze, wodurch sich die Bierstile nur aufgrund des lokalen Geschmacks leicht unterschieden. In den 1970er-Jahren war die Bierlandschaft geprägt vom einfachen, kupferfarbenen Bitter sowie dem Mild Ale, welches es in verschiedenen Farbschattierungen und Stärken gab.
Die Geschichte des Irish Red Ale beginnt aber nicht in Irland, sondern in Frankreich.
1974 entschied sich die französische Brauerei Pelforth, einen neuen Bierstil in ihr Sortiment aufzunehmen. Sie besuchten Brauereien in England, Deutschland, Schweden und zuletzt auch eine ehemalige Brauerei in Irland, in der nur noch als Getränke verkauft wurden. Der Name des Besitzers war George Lett. In seinen Brauereiaufzeichnungen fanden sich die Rezepte für ein Pale Ale, ein Ruby Ale und ein Strong Ale. Pelforth entschied sich für das Strong Ale, braute es mit 6,6 vol.-% ein und vermarktete es mit einer Menge irischer Referenzen als „Bière Rousse“ („fuchsrotes Bier“). George Lett sah, mit seinem markanten Bart (entgegen seiner englischen Vorfahren), derart typisch irisch aus, dass sein Konterfei mit einem erfundenen irischen Vornamen als George Killian Lett zum Marketingbotschafter dieses Bieres wurde.
Aus 50 Jahren werden 150 Jahre werden 1000 Jahre
Das Bier war so erfolgreich, dass Pelforth die amerikanische Firma Coors fragte, ob sie das Bier nicht für den amerikanischen Markt lizenzieren wollte. Coors nahm den Vorschlag an, ließ den Nachnamen Lett fallen und nannte das Bier „George Killian’s Irish Red Ale“, die erste Nennung von Irish Red Ale. Erstmalig gebraut wurde es 1981 und zwar mit 5,8 vol.-% etwas leichter. Das Marketing von Coors ging noch weiter als das von Pelforth und behauptete, dass Irish Red Ale bereits seit 1864 gebraut würde. Das überzeugte die aufkommende Craft-Beer-Szene in Amerika, die den Bierstil übernahm und verbreitete. 1995 listete ein Brauereiführer bereits 30 verschiedene Irish Red Ales auf. Besonders ironisch ist in dem Zusammenhang die Tatsache, dass Coors ab 1988 nicht nur den Alkoholgehalt des Bieres auf 4,9 vol.-% reduzierte, sondern das Bier untergärig braute. Das Bier hieß fortan nur noch Irish Red, bis heute wird aber auf der offiziellen Webseite noch die Behauptung aufrechterhalten, dass das Bier seit über 150 Jahren so gebraut würde, was natürlich Unsinn ist.
Kurz vor der Jahrtausendwende kam das Irish Red Ale auch jenseits des Atlantiks an, als Buchautoren bemerkten, dass die Bitter in Irland von Alkoholgehalt und Farbe zu dem passten, was Coors als Irish Red verkaufte. Die Bezeichnung setzte sich rasch in Europa durch. Hier wurden bereits schon fehlerhafte Texte noch durch neue Mythen ergänzt. Neben allerlei pseudohistorischem Unsinn zu dem Thema, z. B. dass Red Ale seit über 1000 Jahren in Irland bekannt wäre, half dabei auch der Fakt, dass die Iren ihre Biere selten als Bitter bezeichneten. Trotzdem wird zum Beispiel das in Deutschland erhältliche obergärige Kilkenny’s Irish Red Ale, eine weniger hopfige ‚Stickstoffversion‘ des Smithwick’s Draught, in Irland einfach als Irish Ale bezeichnet. Es gibt aber mittlerweile auch in Irland mehrere Brauereien, die ihr Bier Red Ale nennen.
Anmerkung: Basis dieses Berichts ist ein Blog-Beitrag des Bierhistorikers Martyn Cornell, der 2021 veröffentlicht wurde. Leider ist der Blog seit seinem Tod im letzten Jahr nur noch über das Internet Archiv verfügbar (Button)
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